Silvestergottesdienst

Mit Glitzer und Gott ins neue Jahr

 

Farbenfrohe Gottesdienste, Austausch auf Facebook und ein offener Umgang mit Religion – das ist Pfarrerin Anna Manon Schimmel aus der Emmausgemeinde in Neuried. Dabei wollte sie eigentlich Tierärztin werden, hatte panische Angst vor Menschen zu sprechen und ist seinerzeit durch die Konfirmandenprüfung gefallen.

 

Silvester ist nicht wirklich ein kirchliches Fest, für Pfarrerin Schimmel aber dennoch wichtig (Foto: Katrin Mertens)

 

Drei lilafarbene Füße, darauf ein Diskolicht für Kinder aus buntem Plastik. Es steht ganz vorne in der Auferstehungskirche in Ichenheim, die nur von Kerzen und den Lichterketten am Weihnachtsbaum erhellt wird ­­­– gleich vor der Kanzel. Die Kirche ist vollbesetzt – in der heutigen Zeit eher ungewöhnlich. In der ersten Bank hebt Pfarrerin Anna Manon Schimmel das Mikrofon und beginnt mit fester Stimme zu lesen:

„‚Stell dir vor, dass alle Menschen in Frieden leben. Du wirst sagen, ich bin ein Träumer, aber ich bin nicht der Einzige.‘ – John Lennon. ‚Im Traum sah er eine Leiter, die von der Erde bis in den Himmel reichte. Und er sah die Engel Gottes auf ihr hinauf- und hinabsteigen.‘ – die Bibel. ‚Faul sein ist wunderschön! Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.‘ – Pippi Langstrumpf.“

Sie steht auf, geht nach vorne und blickt in die vielen Gesichter, die sie erwartungsvoll anschauen.

 

„Heute möchte ich träumen. Am letzten Abend des Jahres träumen. Träumen von dem was war...“

 

In ihrer Jugend hat Pfarrerin Schimmel davon geträumt, Tierärztin zu werden und nach dem Abitur eine Lehrstelle als Tierarzthelferin bekommen. „Dann habe ich meiner Mutter gesagt: ‚Nein, ich mache Theologie.‘ Und alle: ‚Hä?!? Theologie? Wie kommst du denn da drauf?‘“ Nicht die einzige außergewöhnliche Karriereentscheidung in Annas Familie. Ihre Schwestern Bettina und Marie sind Schauspielerinnen – und spielen derzeit Hauptrollen in einer RTL-Serie über einen falschen Pfarrer. Die echte Pfarrerin hatte durch ihren Religionslehrer in der Oberstufe gemerkt, wie wichtig ihr der Glaube schon immer gewesen ist. „Der hat gar nicht groß was gemacht, aber er hat etwas angestoßen.“ Was genau, das kann die heutige 37-Jährige nicht in Worte fassen. Einige Jahre zuvor war sie noch aus Nervosität durch die Konfirmandenprüfung gefallen. „Ich war nie der Überflieger.“ Sie verdreht die Augen, seufzt und wirkt dabei wie eine gestresste Studentin in der Klausurenphase. „Im Theologiestudium gibt es so viele mündliche Prüfungen. SO.VIELE.“ Auch die habe sie wegen ihres Lampenfiebers nicht alle beim ersten Mal geschafft. Es war echt ein langer Weg. Umso glücklicher bin ich, dass ich es geschafft habe.“

 

„...träumen von dem was kommt und was sein wird.“

 

Vor jedem Gottesdienst geht Schimmel spazieren, um abzuschalten und mit der Botschaft ihrer Predigt „schwanger zu gehen“. Langsam schlendert sie, kurz vor dem Silvester-Gottesdienst, durch die Straßen von Ichenheim, während Nieselregen vom wolkenverhangenen Himmel fällt. „Der Beruf ist sehr schön, aber auch sehr anstrengend, weil viel und oft etwas von einem gefordert wird“, erklärt sie, während der Regen in ihren blonden Haaren hängenbleibt und langsam auf ihre Jacke hinuntertropft. „Man muss ganz arg auf sich selber aufpassen. Deswegen HUND!“ Anna Schimmel gestikuliert wild mit beiden Händen in Richtung ihrer Hündin Frieda. Schwarzes Fell und ein einzelner breiter, weißer Streifen auf der Brust  als würde sie Talar und Beffchen tragen. „Wenn ich nicht mehr kann, dann laufe ich immer geradeaus.“ Langsam wird der Regen stärker und der Spaziergang damit kürzer als sonst. Das hellblaue Pfarrhaus steht gleich neben der Kirche. Links das Pfarramt, rechts wohnt Anna Schimmel mit ihrer Tochter, Hündin Frieda, zwei Katzen und drei Schildkröten.

 

„Ich freue mich, dass ich nicht alleine träumen muss.“

 

Im Wohnzimmer herrscht sympathisches Chaos. Esstisch und Boden sind über und über mit Butterbrottüten bedeckt. Sie liegen einzeln nebeneinander, auf jeder prangt ein Kreuz aus goldenem Glitzerstaub. Schimmel hat die „Traumtüten“ selbst für ihren Gottesdienst gebastelt. Die Anregung kam von einer anderen Pfarrerin und einem Pfarrer - auf Facebook. Auch der Glaube ist schon längst im digitalen Zeitalter angekommen. In den Gruppen „Predigtkultur“ und „Gottesdienst Institut Forum“ tauschen sich tausende Pfarrer aus ganz Deutschland aus, diskutieren, geben Tipps. Laut Anna Schimmel eine „ganz tolle Gemeinschaft“. „Der rege Austausch von tollen Ideen ist total bereichernd für meine Arbeit.“ Von ihren eigenen Predigten hat sie bisher erst eine geteilt – sie traue sich noch nicht so recht, da die anderen Pfarrer*innen so gut schreiben. In ihren Gottesdiensten hört man die Botschaft ihrer Worte nicht nur, man spürt sie auch.

 

„Weil ihr, liebe Christen, alle hier seid.“

 

Letztes Jahr hatte die junge Pfarrerin überhaupt nicht erwartet, dass viele Leute zum Silvester-Gottesdienst kommen, dann mussten sogar noch Stühle dazugestellt werden. „Jetzt gehe ich natürlich mit dieser Hoffnung wieder rein.“ Sie testet vorsichtig mit einem Finger, ob der Kleber auf den „Traumtüten“ schon getrocknet ist. Dann setzt sie sich auf das hellblaue Sofa und streichelt Frieda, die sich neben sie gelegt hat und freudig mit dem Schwanz wedelt. Eine geschäftige Zeit liegt hinter Pfarrerin Schimmel. Insgesamt drei Gottesdienste hat sie alleine am 24. Dezember gehalten. Der Druck war groß, sie hatte einen hohen Anspruch an sich selbst: Die Leute sollten nach den Gottesdiensten spüren, dass Weihnachten begonnen hat. „Ich gehöre auch nicht zu denen, die meckern...“ Sie verzieht übertrieben das Gesicht und schimpft: „Heiligabend kommen alle in die Kirche, die sonst nicht kommen!“ Ihre Augen beginnen freudig zu leuchten, sie wirft die Arme in Siegerpose nach oben. „Yes, da kommen die, die sonst nicht kommen! Dann habe ich einmal die Chance, ein positives Bild Kirche zu vermitteln – auch wenn’s nur einmal im Jahr ist. Wenn’s doof war, kommen sie halt nicht mehr im Jahr drauf.“ Damit es nicht „doof“ wird, experimentiert sie gerne.

Unkonventionell – dieses Wort schwingt im Gespräch mit Anna Schimmel immer ungesagt mit. Glaube wirkt bei ihr modern, alltagstauglich und lebendig. Für sie stehen immer die Menschen im Vordergrund – so auch an Silvester. Eine religiöse Bedeutung hat der 31.12. nicht, da das Kirchenjahr bereits am ersten Advent beginnt. „Da so viele Leute diesen Tag begehen, ist es für mich aber auch ein wichtiger Tag.“

Die Stimme der Pfarrerin wird leiser und ihr Blick gleitet Richtung Fenster, an dem der Regen hinunterläuft. Im November und Dezember hat sie mehr Seelsorge-Fälle als im restlichen Jahr zusammen. „Da kommt ganz viel hoch.“ Es ist nicht verwunderlich, dass viele Gemeindemitglieder mit Sorgen zu ihr kommen. Die 37-Jährige hört stets aufmerksam zu, wirkt interessiert und verständnisvoll. Bei gravierenden Problemen sei sie jedoch eher Vermittlerin und finde gemeinsam mit dem Betroffenen eine Lösung, wie beispielsweise ein Besuch beim Psychiater.

 

Anna Schimmel steht auf der mit Kerzen gesäumten Kanzel. In der Hand hält sie eine kleine Taschenlampe, deren schmaler Lichtschein langsam über jede Zeile ihrer Predigt wandert. Es geht um Träume. Persönliche Träume. Manchmal sei es nötig, Träume loszulassen. Sie selbst habe sich 2018 von zwei Lebensträumen verabschiedet. Um welche genau, sagt sie nicht. Das ist aber auch nicht notwendig. Es ist still in der Kirche. Nicht einmal das übliche, verhaltene Husten ist zu hören.

 

„Ich kann immer nur von mir und aus meiner Sicht sprechen. Meine Gotteserfahrung, meine positiven Erfahrungen, meine Erfahrungen mit Schmerz oder Dingen, die mir wichtig sind.“ Die junge Pfarrerin streicht sich durchs Haar. Konstruktive Kritik ist ihr wichtig, doch sie tue auch weh, da jede Zeile tief in ihrem eigenen Leben verwurzelt ist. „Diese Predigten, wo man erzählt, der Text soll das und das sagen, da hört kein Mensch mehr zu.“ Die Leute würden eher reflektieren und über ihre eigene Situation nachdenken, wenn sie merken, dass der Predigende die gleichen Probleme auch schon hatte. Die Pfarrerin stockt, ihre Augen werden weit. Sie springt auf und hetzt durch den Raum. „Raus mit euch!“ Ihre Katzen, die gerade auf den Tisch mit den trocknenden Butterbrotbeuteln gesprungen sind, rennen aus dem Zimmer.

 

Sie rafft ihren Talar und kniet sich hin, hantiert an einem Musikplayer. Laut hallt „Dreams are my reality“ durch die Kirche. Das Diskolicht wirft Dutzende, bunte Lichtpunkte an die Wand hinter dem Altar. Anna Schimmel wartet eine Minute, dann tritt sie an das Mikrofon und bittet die Besucher ihre „Traumtüten“ aufzublasen – alle Träume hinein zu pusten. Ein lautes Knistern erfüllt die Luft.

 

In wenigen Stunden wird das Jahr 2018 zu Ende sein. Vorsätze? Die mache sie sich NIE. Einfach eine gute oder gefühlt gute Pfarrerin zu sein und mir Mühe zu geben, in dem, was ich mache.“ Die 37-Jährige schüttelt energisch den Kopf. Ich denke immer, wenn man was verändern will, dann muss man es gleich machen.“ Doch dieses Jahr ist es anders. Sie hat sich vorgenommen, Müll zu vermeiden. „Wir können die Realität einfach nicht mehr wegdenken mit diesem ganzen Plastikzeug. Ich habe jetzt zweimal beim Bäcker gesagt: ‚Bitte ohne Tüte!‘ und hatte meine eigene dabei. Was mich sehr viel Mut gekostet hat!“ Sie lacht schallend, wird dann wieder ernst. „Das ist für mich auch ein religiöses Thema, weil Gott uns die Welt geschenkt hat und wir sie gerade kaputt machen.“

 

„Jetzt lasst sie zerplatzen.“

 

Kurzes Stocken. Ist das nicht eher ein trauriges Zeichen – zerplatzende Träume? Nein. Alle Träume sollen gemeinsam durch den Kirchenraum fliegen. Sie sollen 2019 Raum finden und Raum bekommen.

 

Ein Knall. Noch einer. In der Auferstehungskirche hallen sie wie kleine Donnerschläge. Es regnet Glitzerstaub.

 

 

 

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